Parentifizierung
Wenn du als Kind die Erwachsene sein musst
Oder hattest du das Gefühl, dass niemand da war, um sich um dich zu kümmern – außer dir selbst?
Falls das auf dich zutrifft, gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass du als Kind parentifiziert wurdest. Das ist nicht nur eine harmlose Kindheitserfahrung, sondern eine tiefe Prägung, die dich bis heute beeinflusst.
Definition Parentifizierung - Was ist Parentifizierung überhaupt?
Ganz kurz gesagt ist Parentifizierung (manchmal auch Parentifikation genannt), wenn du als Kind nicht Kind sein durftest, sondern dich erwachsen verhalten musstest.
Die etwas längere Definition von Parentifizierung: Die Rollen zwischen dir und deiner Mutter bzw. deinen Eltern tauschen sich um. Eigentlich waren als Kind deine Eltern dafür verantwortlich, deine physischen und psychischen Bedürfnisse zu erfüllen, im Falle einer Parentifikation ist es genau andersherum. Du musstest viel zu früh viel zu viel Verantwortung übernehmen, z.B. für deine Mutter oder auch Geschwister.
Wichtig zu erwähnen ist es, dass es dabei nicht primär oder nur um ein Kümmern auf physischer Ebene geht, sondern oft auch auf emotionaler. Es kann also gut sein, dass deine Eltern immer für dein leibliches Wohl gesorgt haben und du trotzdem Parentifizierung erfahren hast.
Inhalte
Parentifizierung: Verkannte und glorifizierte Misshandlung und Kindeswohlgefährdung
Parentifizierung wird oft nicht nur verharmlost, sondern sogar glorifiziert – als frühe Reife und Selbstständigkeit (ein hohes Gut in unserer kapitalistischen Gesellschaft!), als Zeichen von besonderer Verantwortungsfähigkeit oder sogar als besonders enger Eltern-Kind-Bund. Tatsächlich ist Parentifizierung aber eine Form der emotionalen und oft auch körperlichen Vernachlässigung, die in ihrer Schwere selbst von Fachpersonal oft unterschätzt wird. Wenn Kinder gezwungen werden, die Rolle eines Erwachsenen zu übernehmen – sei es emotional, indem sie die Bedürfnisse ihrer Eltern erfüllen und deren Stimmungen regulieren müssen, oder lebenspraktisch, indem sie für ihre Geschwister oder den Haushalt verantwortlich sind – dann stellt das eine Form von Misshandlung dar.
Kindeswohlgefährdung liegt dann vor, wenn die Entwicklung eines Kindes durch eine Situation nachhaltig beeinträchtigt wird. Ein Kind, das sich um das emotionale oder physische Wohlergehen seiner Eltern kümmern muss, verliert die Möglichkeit, selbst ein Kind zu sein. Ihm wird praktisch seine eigene Kindheit gestohlen. Es erlebt keinen Schutzraum, sondern wird in eine Rolle gedrängt, für die es viel zu jung ist und die zwangsläufig zu Überforderung führt. Die langfristigen Folgen reichen von chronischem Stress und Angststörungen bis hin zu tief verwurzelten Schuld- und Schamgefühlen, die das Erwachsenenleben prägen, mehr dazu im Abschnitt „Parentifizierung Folgen: Spätfolgen im Erwachsenenalter„.
Viele erwachsene Frauen, die in ihrer Kindheit parentifiziert wurden, sind sich nicht darüber im Klaren, dass Parentifizierung Misshandlung ist. Oft gibt es täterloyale Anteile, die diese Einordnung für absolut überzogen halten, schließlich ist das ja keine körperliche oder psychische Gewalt in dem Sinne. Wenn man sich aber vor Augen führt, dass Kinder per Definition Schutz, Fürsorge und einen sicheren Rahmen brauchen, wird klar: Ein Kind, das diese Grundvoraussetzungen nicht erhält, sondern stattdessen die Verantwortung für andere übernehmen muss, wird in seinen grundlegenden Bedürfnissen missachtet. Und das ist nicht nur emotionaler Missbrauch, sondern kann (je nach Ausmaß) auch eine klare Kindeswohlgefährdung darstellen.
Wenn du das hier gerade liest und dir denkst: „Jetzt übertreib mal nicht, SO schlimm wars dann auch nicht, immerhin bin ich nicht geschlagen worden!” ist das absolut symptomatisch für das, was du erlebt hast: Du übernimmst auch hier die Verantwortung für die Taten deiner Eltern, statt sie denen zu geben, denen sie gehört und deinerseits Verantwortung für deine Heilung zu übernehmen. Wie dir diese gelingt, liest du im Abschnitt „Parentifizierung im Erwachsenenalter auflösen: Was du tun kannst„.
Arten von Parentifizierung
Unterschieden wird in zwei Hauptformen: die instrumentelle und die emotionale Parentifizierung. Beide bedeuten für ein Kind eine erhebliche Überforderung, jedoch auf unterschiedliche Weise.
Bei der instrumentellen Parentifizierung wird ein Kind mit praktischen Aufgaben konfrontiert, die für sein Alter völlig ungeeignet sind. Dazu gehört beispielsweise, dass eine 6-Jährige allein zum Arzt gehen oder eine 10-Jährige eigenständig den Haushalt schmeißen muss. Auch die Verantwortung für jüngere Geschwister zu übernehmen, regelmäßig für die Familie zu kochen oder die psychisch oder körperlich angeschlagene Mutter zu pflegen, sind weit verbreitete Beispiele.
Die emotionale Parentifizierung ist subtiler, aber nicht weniger schädlich. Hier wird das Kind dazu benutzt, emotionale Bedürfnisse der Eltern zu erfüllen, die eigentlich in einer erwachsenen Partnerschaft oder in einem professionellen therapeutischen Rahmen angesiedelt sein müssten. Die Tochter wird zur engsten Vertrauten der Mutter (oft als “beste Freundin” getarnt), in (Ehe-)Streitigkeiten hineingezogen oder mit für ihr Alter unpassenden Themen belastet, z.B. mit finanziellen Sorgen oder Details aus dem Sexleben der Mutter. oder gar mit Details aus dem Liebesleben der Mutter.
Besonders Töchter narzisstischer Mütter leiden unter dieser Form der Parentifizierung. Sie werden häufig in eine übermäßige Verantwortungsrolle gedrängt, sei es als emotionale Stütze, beste Freundin oder Projektionsfläche für die unerfüllten Wünsche der Mutter. Sie sollen perfekt sein, ihre Mutter stolz machen und gleichzeitig deren emotionale Dysregulation ausgleichen. Dadurch entsteht ein toxischer Kreislauf: Die Tochter lernt früh, dass ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse weniger wert sind als die der Mutter – eine Dynamik, die bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt, bis du dir die Zeit nimmst, sie aufzulösen. Mehr über die Dynamiken zwischen narzisstischen Müttern und deren Töchtern im Laufe des Lebens der Tochter lernst du übrigens in meinem Online-Kurs Uncover Your Mother.
Parentifizierung Beispiele
Beispiele instrumentelle Parentifizierung: Wenn Kinder die Verantwortung der Eltern übernehmen
- Du musstest schon früh für deine jüngeren Geschwister sorgen, sie füttern, ins Bett bringen oder trösten, wenn sie weinten.
- Du hast schon als Kind oder Jugendliche den Haushalt nahezu komplett alleine geschmissen, z.B. Kochen oder Putzen.
- Du warst als Kind für Aufgaben zuständig, die eigentlich Erwachsene übernehmen sollten, z.B. Behördengänge erledigen.
- Du musstest deine Mutter pflegen, wenn sie krank war, oder ihr in Krisenzeiten das Gefühl geben, dass sie sich auf dich verlassen kann.
- Dir wurde häufig gesagt, dass du „reif für dein Alterr“ bist, weil du dich nicht wie ein Kind verhalten hast, sondern schon früh erwachsen funktionieren musstest.
- Du hast andere Kinder in deinem alter immer belächelt oder fandest sie kindisch.
Beispiele emotionale Parentifizierung: Wenn Kinder für die Gefühle ihrer Eltern zuständig sind
- Deine Mutter hat dich regelmäßig als ihre Vertraute benutzt, um über ihre Sorgen, Ängste oder Beziehungsprobleme zu sprechen, ohne Rücksicht darauf, ob du als Kind mit solchen Themen umgehen konntest.
- Du wurdest in Ehe- oder Familienkonflikte hineingezogen und wurdest für diese verantwortlich gemacht, solltest zwischen Streitparteien vermitteln oder Entscheidungen beeinflussen.
- Deine Mutter hat dir Schuldgefühle gemacht, wenn du eigene Bedürfnisse oder Grenzen hattest (und dir dann Sprüche wie „Nach allem, was ich für dich getan habe…“ reingedrückt).
- Du hast dich schon als Kind für das Glück oder Unglück deiner Mutter verantwortlich gefühlt und warst ständig damit beschäftigt, sie nicht zu verärgern sondern sie „glücklich zu machen“.
- Deine Mutter hat dich idealisiert und dich zur „einzigen Person gemacht, die sie wirklich versteht“ – eine emotionale Belastung, die viel zu groß für ein Kind ist.
Wenn du dich in diesen Beispielen wiederfindest, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du als Kind in eine unzumutbare Rolle gedrängt wurdest, für die du niemals verantwortlich sein solltest.
Parentifizierung Mutter Tochter: Wenn die Mutter die Tochter braucht
Parentifizierung zwischen Mutter und Tochter ist in toxischen oder narzisstischen Beziehungen besonders ausgeprägt. Töchter narzisstischer Mütter werden oft nicht als eigenständige Menschen mit eigenen Bedürfnissen gesehen, sondern als Erweiterung der Mutter, die nur dazu da ist, die Bedürfnisse der Mutter zu stillen und ihr eine emotionale Stütze zu sein. Statt Geborgenheit, Schutz und bedingungsloser Liebe zu erfahren, müssen die Töchter all das ab dem Zeitpunkt ihrer Geburt (ja, richtig gelesen, schon als Baby!) ihrer Mutter geben und sich um ihr Wohlbefinden kümmern. Zu Beginn des Lebens im Säuglingsalter zunächst emotional und psychisch, sobald körperlich möglich auch physisch und praktisch. Wenn du mehr darüber erfahren willst, wie sich das für dich als Baby dargestellt hat und welche Folgen es bis heute für dich hat, findest du alle Antworten in meinem Signature-Programm “Mutterwunde verstehen”.
Häufig kommen Frauen in mein Mentoring, die mir erzählen, dass sie sich fühlen, als wären sie die Therapeutin und Nanny ihrer eigenen Mutter. Und genau das ist auch die Dynamik. Narzisstische Mütter drängen ihr Kind bewusst oder unbewusst in eine Rolle, die ihnen selbst dienlich ist: als Vertraute, Therapeutin oder sogar als Partnerersatz. Die Tochter wird in die Verantwortung gezogen, die Launen und emotionalen Krisen der Mutter auszugleichen, ihr Bestätigung zu geben und ihre Bedürfnisse zu erfüllen – auf Kosten ihrer eigenen Entwicklung. Diese Form der Parentifizierung ist nicht nur emotional belastend, sondern kann langfristige psychische Folgen haben, darunter ein tiefes Gefühl der Überforderung, Schuld und das ständige Gefühl, nie genug zu sein. Wenn du dir unsicher bist, ob du eine toxische oder sogar narzisstische Mutter hast, mach hier meinen kostenlosen Test und in maximal 4 min hast du ein klares Ergebnis mit Bewertungs-Score.
Warum Parentifizierung zwischen Mutter und Tochter so tief wirkt
Viele Frauen verstehen erst spät, wie sehr die Parentifizierung zwischen Mutter und Tochter ihr gesamtes Leben beeinflusst hat – von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Diese Beziehung prägt das Selbstbild, den Umgang mit Bedürfnissen und oft auch die Wahl von Partner:innen. Gerade weil Mütter unsere ersten Bindungspersonen sind, wirken diese frühen Rollenbilder besonders tief.
Parentifizierung zwischen Mutter und Tochter hinterlässt nicht nur emotionale Narben, sondern formt auch das gesamte Beziehungserleben – solange, bis die Muster aktiv durchbrochen werden.
Typische Anzeichen für Parentifizierung zwischen Mutter und Tochter
- Du musstest dich schon als Kind um deine Mutter kümmern, wenn es ihr schlecht ging.
- Deine Gefühle und Bedürfnisse wurden ignoriert oder abgewertet, während du immer Verständnis für die Emotionen deiner Mutter haben und sie trösten solltest.
- Du hast oft das Gefühl, für das Glück, die Gesundheit und das Leben deiner Mutter verantwortlich zu sein.
- Deine Mutter hat dich mit Themen belastet, die für ein Kind nicht angemessen waren, z. B. Probleme in ihrer Ehe, sexuelle Erfahrungen oder finanzielle Sorgen.
- Sie machte dir Schuldgefühle, wenn du dich mal was für dich selbst machen oder dich mit einer Freundin treffen wolltest.
Parentifizierung in einer narzisstischen Mutter-Tochter-Beziehung ist besonders perfide, weil sie oft nicht als Missbrauch erkannt wird – weder von der Außenwelt noch von der betroffenen Tochter selbst. Im Gegenteil, oft stellt die narzisstische Mutter es so dar, als seien sie und ihre Tochter ein Herz und eine Seele, wie “beste Freundinnen”. Dabei wachsen die Töchter mit der tief verwurzelten Überzeugung auf, dass ihre Existenz nur dann gerechtfertigt ist, wenn sie für andere – allen voran ihre Mutter – sorgt und Leistung bringt. Vielen Frauen wird erst im späten Erwachsenenalter klar, dass sie ihrer Kindheit beraubt wurden und die Dynamik mit ihrer Mutter bis heute andauert. Ihnen wird aber auch langsam klar, dass sie heute die Möglichkeiten und auch das Recht haben, sich selbst an die erste Stelle zu setzen und sich von ihrer Mutter und der Verantwortung ihr gegenüber zu lösen.
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Parentifizierung Test: Wurdest du als Kind parentifiziert?
Viele Betroffene wissen nicht, dass sie als Kind parentifiziert wurden, sie erinnern sich nur daran, dass sie „immer funktionieren mussten“, „schon früh erwachsen waren“ oder „keine Zeit hatten, ein normales Kind zu sein“. Wenn du dich fragst, ob du betroffen bist, hilft dir dieser kurze Parentifizierung-Test weiter.
Beantworte die folgenden Fragen mit „Ja“ oder „Nein“:
- Musstest du dich als Kind regelmäßig um das emotionale oder physische Wohl deiner Mutter kümmern?
- Hat deine Mutter dir Sorgen oder Probleme erzählt, die eigentlich für Erwachsene gedacht waren?
- Hast du als Kind Verantwortung für jüngere Geschwister, den Haushalt oder die Stimmung deiner Mutter übernommen?
- Hattest du oft das Gefühl, dass deine eigenen Bedürfnisse weniger wichtig sind als die deiner Mutter?
- Wurdest du als „die Vernünftige“ oder „die Starke“ bezeichnet, während deine Mutter sich auf dich verlassen hat?
- Hatte deine Mutter extreme Stimmungsschwankungen, die du durch dein Verhalten beeinflussen oder stabilisieren musstest?
- Hattest du das Gefühl, für das Glück deiner Mutter verantwortlich zu sein?
- Wurdest du emotional oder verbal bestraft, wenn du deine eigenen Bedürfnisse geäußert hast?
Auswertung:
- Wenn du mehr als drei Fragen mit „Ja“ beantwortet hast, ist es sehr wahrscheinlich, dass du als Kind parentifiziert wurdest.
- Wenn du fünf oder mehr Fragen mit „Ja“ beantwortet hast, war die Parentifizierung stark ausgeprägt und hatte vermutlich langfristige Auswirkungen auf dein Leben.
Falls du dich weiter mit dem Thema auseinandersetzen möchtest, erfährst du in meinem Programm „Mutterwunde verstehen„, wie Parentifizierung dich und dein Leben geprägt hat und bis heute alle deine Beziehungen (nicht nur die zu deiner Mutter!) und dein Handeln beeinflusst.
Parentifizierung Folgen: Spätfolgen im Erwachsenenalter
Psychische Folgen & Symptome von Parentifizierung
Chronische Schuldgefühle
Übermäßige Verantwortungsübernahme
Perfektionismus und Überforderung
Bindungsstörungen
Depressionen und Angststörungen
Die ständige Selbstvernachlässigung und emotionale Überlastung kann zu Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit und Ängsten führen. Viele Betroffene leiden unter Depressionen, weil sie nie gelernt haben, ihre eigenen Bedürfnisse als wichtig zu betrachten.
Identitätsprobleme
Hyper-Independence vs. Co-Abhängigkeit: Zwei Extreme der Parentifizierung bei der erwachsenen Tochter
1. Hyper-Independence
So manche erwachsene Tochter hat gelernt, dass sie sich auf niemanden verlassen kann. Sie lehnt Hilfe ab, fühlt sich unwohl, wenn sie emotional von jemandem abhängig ist, und trägt alle Lasten allein – oft bis zur völligen Erschöpfung. Nähe kann sich bedrohlich anfühlen, weil sie unbewusst mit Vereinnahmung und Verantwortung verknüpft ist. Mehr zum Thema Hyper-Independence liest du hier im ausführlichen Beitrag dazu.
2. Co-Abhängigkeit
Andere wiederum sind in einem Muster gefangen, in dem sie sich nur dann wertvoll fühlen, wenn sie gebraucht werden. Sie ziehen Partner:innen an, die emotional instabil oder unfähig sind, Verantwortung zu übernehmen, und geraten in Beziehungen, in denen sie sich für das Glück des anderen aufopfern. Grenzen setzen fällt schwer, weil sie gelernt haben, dass Liebe bedeutet, für andere zu funktionieren.
Parentifizierung im Erwachsenenalter: Wie sich alte Muster weiter durchziehen
Folgen von Parentifizierung in Partnerschaft und Beziehung als erwachsene Tochter
Ungesunde Beziehungsdynamiken
Selbstaufgabe in der Partnerschaft
Schwierigkeiten mit Nähe und Vertrauen
Mangelndes Gespür für eigene Grenzen
Parentifizierung und Trauma: Warum es so schwer ist, sich zu lösen
Wie oben bereits erläutert handelt es sich bei Parentifizierung um eine viel zu oft verkannte Form der Kindesmisshandlung. Natürlicherweise führen Misshandlungen nicht selten zu Trauma, in diesem Fall durch den andauernden und frühen Charakter meist zu Entwicklungstrauma. Die langfristigen (entwicklungs-)traumatischen Folgen von Parentifizierung sind oft schwer greifbar, weil sie für die Betroffenen absolut normaler Alltag sind und weil sie nicht wie etwa körperlicher Missbrauch ganz klar greifbar und “messbar” ist, sondern sie subtil ausbeutet. Doch die Auswirkungen sind real:
- Ein tief verankertes Gefühl von „Ich bin nicht genug“ oder „Ich bin nur wertvoll, wenn ich nützlich bin“.
- Angst vor Ablehnung, wenn man sich abgrenzt oder eigene Bedürfnisse äußert.
- Das Gefühl, dass Beziehungen immer mit Leistung und Verantwortung verbunden sind.
Um aus diesen Mustern auszubrechen, braucht es ein Bewusstsein für die eigenen erlernten Rollen – und die Erlaubnis, sich selbst an erste Stelle zu setzen. Viele Frauen fürchten, dass sie dann „egoistisch“ sind oder „niemanden mehr haben“. Doch genau hier beginnt der Heilungsprozess: nicht mehr aus Pflichtgefühl zu geben, sondern aus echter Verbindung zu sich selbst.
Die Folgen von Parentifizierung erkennen und loslassen
Parentifizierung im Erwachsenenalter auflösen: Was du tun kannst
Wenn du als Kind parentifiziert wurdest, fühlt es sich manchmal so an, als gäbe es keinen Ausweg, weil sich die Muster aus deiner Kindheit so tief in dein Nervensystem eingebrannt haben. Vielleicht kennst du das Gefühl, dass du niemals genug tust, dass du dich für alles verantwortlich fühlst oder dass du gar nicht weißt, wer du eigentlich bist, wenn du nicht für andere funktionierst. Doch auch wenn Parentifizierung deine Kindheit geprägt hat – du kannst sie im Erwachsenenalter auflösen.
Schritt 1 – Bewusstsein schaffen: Die ersten Schritte zur Heilung
Der erste und wichtigste Schritt ist zu erkennen, dass du als Kind überfordert wurdest und dass du das nicht weiter hinterfragen oder rechtfertigen musst. Vielleicht denkst du, „andere hatten es viel schlimmer als ich“ oder „meine Mutter hat ja ihr Bestes gegeben“. Aber egal, welche Umstände dazu geführt haben: Parentifizierung war für dich als Kind eine Überforderung und das ist das einzige, was relevant ist.
Schritt 2 – Parentifizierung annehmen: Eltern nicht mehr in Schutz nehmen
Viele erwachsene Töchter auf der Suche nach Heilung stecken genau an diesem Punkt fest: Sie verstehen, dass sie parentifiziert wurden, aber sie entschuldigen ihre Eltern trotzdem immer wieder.
„Meine Mutter war ja selbst überfordert.“
„Sie hat es nicht besser gewusst.“
„Sie ist halt krank und braucht Unterstützung.“
All das kann stimmen und trotzdem hat es dir dein Trauma beschert. Dein Gehirn und dein Nervensystem wurden nicht von guten Absichten geprägt, sondern von der Realität, dass du für deine Mutter da sein musstest, anstatt Kind zu sein.
➡ Was es bedeutet, Parentifizierung anzunehmen:
- Du erkennst an, dass deine Kindheit nicht „normal“ oder „harmlos“ war.
- Du hörst auf, deine eigenen Erfahrungen herunterzuspielen oder mit anderen zu vergleichen.
- Du verstehst, dass es in der Heilung um dich geht – nicht um deine Mutter.
Das bedeutet nicht, dass du deine Mutter hassen musst. Es bedeutet nur, dass du ihre Geschichte nicht länger über deine eigene stellst.
Schritt 3 – Grenzen setzen: Dich aus der Überverantwortung lösen
Viele Frauen, die parentifiziert wurden, haben nie gelernt, gesunde Grenzen zu setzen. Sie fühlen sich egoistisch, wenn sie eigene Bedürfnisse formulieren, oder fürchten, dass Beziehungen zerbrechen, wenn sie sich nicht mehr aufopfern.
Aber das Gegenteil ist der Fall: Gesunde Beziehungen entstehen nur, wenn beide Seiten sich auf Augenhöhe begegnen – nicht, wenn eine Person ständig gibt und die andere nimmt.
➡ Konkret bedeutet das:
- Stoppe automatische Verantwortungsübernahme. Nur weil jemand dich um Hilfe bittet, musst du nicht automatisch zusagen.
- Lerne, „Nein“ zu sagen – ohne Erklärung. Du bist niemandem eine Rechtfertigung schuldig, wenn du etwas nicht möchtest oder nicht kannst.
- Erkenne emotionale Manipulation. Wenn du Schuldgefühle bekommst, weil du eine Grenze setzt, frage dich: Ist das wirklich meine Schuld oder wurde ich nur so konditioniert?
Grenzen sind oft unbequem – besonders, wenn du es gewohnt bist, dass deine Bedürfnisse nicht zählen. Doch sie sind essenziell, um dich selbst aus der Parentifizierung zu befreien.
Löst Grenzen setzen bei dir Angst aus, weil du dann mit Drama, Schuld oder Wut konfrontiert wirst?
Dann ist mein Boundaries Bootcamp genau das Richtige für dich! In diesem Programm lernst du, wie du deine Angst vor Ablehnung überwindest, deine Bedürfnisse priorisierst und Grenzen setzt, ohne dass Krokodilstränen, Schuldzuweisungen oder endlose Diskussionen dich zurück in alte Muster ziehen.
Schritt 4 – Kontaktabbruch: Fast immer mindestens temporär notwendig
Oft fürchtet man sich als erwachsene Tochter davor, den Kontakt zu ihrer Mutter abzubrechen oder zu unterbrechen. Vielleicht hast du das Gefühl, dass du sie „im Stich lässt“. Vielleicht macht sie dir Schuldgefühle oder droht, dich zu bestrafen.
Die Wahrheit ist aber: Solange deine Mutter weiterhin Einfluss auf dich hat, hast du keine Möglichkeit, dich selbst zu entdecken. Parentifizierung ist ein Beziehungsmuster und solange die auslösende Beziehung dafür besteht, wirst du dieses nicht auflösen können.
Ein Kontaktabbruch ist nicht immer endgültig, aber er ist fast immer notwendig, um Parentifizierung wirklich aufzulösen.
Fühlst du dich schuldig und fragst dich, ob du wirklich so „hart“ sein darfst?
Ob du NACH der Auflösung der Parentifizierung den Kontakt wieder aufnehmen kannst, hängt von zwei Dingen ab:
1. Handelt es sich um eine toxische oder narzisstische Mutter?
Wenn ja: Kontaktabbruch aufrechterhalten. Andernfalls ist der Rückfall vorprogrammiert. Narzisstische Mütter akzeptieren keine Grenzen und werden alles tun, um dich zurück in deine alte Rolle zu zwingen. Ob du eine toxische oder narzisstische Mutter hast, kannst du hier mit meinem kostenlosen Test rausfinden.
2. Respektiert deine Mutter deine neuen Grenzen und deine „neue“ Version von dir?
Wenn nein: Kontaktabbruch aufrechterhalten. Wenn sie nicht bereit ist, selbst Verantwortung für sich zu übernehmen, wird sie versuchen, dich wieder in die Kümmerer-Rolle zu drängen.
Wichtig: Du schuldest deiner Mutter keine Beziehung.
Sie hat dich nicht gefragt, ob du parentifiziert werden willst, also musst du sie auch nicht fragen, ob du dich aus der Parentifizierung lösen darfst.
Das macht dir Schuldgefühle? Das ist das alte Muster und ganz normal! Schuldgefühle bedeuten nicht, dass du etwas falsch machst, sie bedeuten, dass du etwas richtig machst – nämlich dich aus den bekannten Konditionierungen zu lösen. Wenn du dir Unterstützung dabei wünschst, die Konditionierungen zu überwinden, die dich davon abhalten, die unsichtbare Nabelschnur zu deiner Familie zu durchtrennen, findest du Hilfe in „What Keeps You In Chains„.
Ein Kontaktabbruch ist kein Zeichen von Schwäche, Kälte oder Aufgeben. Es ist ein Zeichen von Selbstschutz und Selbstachtung.
Schritt 5 – Reparenting: Die Mutter werden, die du gebraucht hättest
Klingt Selbstfürsorge für dich nach leeren Worten, weil du nie gelernt hast, dich selbst wichtig zu nehmen?
Das heißt nicht, dass du jetzt einfach „positiv denken“ oder dich selbst „ein bisschen mehr lieben“ sollst. Es bedeutet, dass du dein Nervensystem langsam neu verschaltest und daran gewöhnst, dich selbst ernst zu nehmen und dir die Fürsorge gibst, die du nie bekommen hast.
➡ Was Reparenting konkret bedeutet:
- Deine eigenen Gefühle wahrnehmen und nicht sofort rationalisieren oder abtun.
- Deine Bedürfnisse nicht länger ignorieren oder als „unwichtig“ abtun.
- Dich selbst in schwierigen Momenten beruhigen, statt dich für deine Emotionen zu verurteilen.
- Dir selbst erlauben, Dinge zu tun, die dir guttun – ohne Schuldgefühle.
Für viele parentifizierte Frauen fühlt sich Reparenting anfangs unangenehm an. Es kann Schuld, Widerstand oder innere Zweifel auslösen. Aber genau das zeigt, wie tief das Muster sitzt und warum es so wichtig ist, es bewusst aufzulösen. In meinem Gruppenprogramm Reparenting Remedy führe ich dich 10 Wochen durch den Prozess des Reparentings und bringe dir Schritt für Schritt bei, was es braucht, um dir selbst die liebevolle Mutter zu werden, die dir immer schon gefehlt hat.
Raus aus der Parentifizierungs-Falle: Dein neues Leben beginnt jetzt
Viele Frauen, die parentifiziert wurden, haben ihr ganzes Leben lang gelernt, dass sie nur dann wertvoll sind, wenn sie für andere funktionieren. Turns out: das ist eine Lüge, die dich direkt in den Burnout führt. Du hast ein Recht darauf und auch die Pflicht, dich selbst an erste Stelle zu setzen.
Heilung ist möglich. Wenn du dabei Unterstützung brauchst, bin ich für dich da. In meiner Kurs-Übersicht findest du alle Ressourcen, die du für die Heilung deiner Parentifizierung brauchst.
Hi, ich bin Karina – somatische Therapeutin, und die Gründerin von Mutterwunde. Und ich darf dir verraten: Auch ich wurde von meiner narzisstischen Mutter schon in frühester Kindheit parentifiziert und litt lange darunter, dass ich dachte, nur wertvoll zu sein, wenn ich anderen dienlich bin. Zum Glück gehört das heute der Vergangenheit an. Durch Reparenting heile ich meine klaffende Mutterwunde und damit mein Nervensystem und helfe anderen dabei, nicht nur zu verstehen sondern wirklich zu verkörpern, dass sie die höchste Priorität in ihrem Leben haben. Wenn du das auch willst, bin ich gerne für dich da.
Lass uns gemeinsam herausfinden, wie ich dir gerade am besten helfen kann! ⤵️